Interview zu Amazonah

Der neue Roman Amazonah blickt ein Jahrzehnt in die Zukunft.  Der Leser begleitet dabei drei Paare durch die erste Phase einer heimtückischen neuen Virus-Pandemie. Anna ist Chefärztin, Ende vierzig, Minimalist Ben jobbt mit Mitte dreißig als Taxifahrer und Teilzeitreporter. Trotz der Unterschiedlichkeit kommen sie zusammen. Bens Nachbar im Tiny House Park ist pensionierter Lehrer und verliebt sich in die 70-jährige Kitty, die sich im Ruhestand als Hobby-Hackerin betätigt. Alle verabscheuen den Gesundheitsminister von der Partei der Echten Liberalen, der unbedingt »Landesvater« in Baden-Württemberg werden will und die Krise hemmungslos für den Wahlkampf nutzt, unterstützt von Ehefrau Mechthild Petri.

Glauben Sie, die Leser sind schon bereit, sich mit einer Pandemie-Geschichte unterhalten zu lassen

Das ist schwer einzuschätzen. Es gibt sicher eine Pandemie-Müdigkeit, die manche Leser davon abhalten wird, ein Buch in die Hand zu nehmen auf dessen Klappentext dieses Wort erscheint. Die Pandemie ist in Amazonah aber nur ein Bild für den Umgang mit Krisen, die bekanntlich sowohl die besten als auch die schlechtesten Charakterzüge im Menschen ans Licht bringen. HeLiPa ist wie ein Brennglas, unter dem politische und soziale Entwicklungen deutlicher sichtbar werden.

Was reizte Sie, mitten in der Corona-Pandemie einen Virus und eine wiederum weltumspannende Pandemie in den Mittelpunkt Ihres Romans zu stellen?

Im Vergleich zu anderen Virus- Erkrankungen, beispielsweise Ebola, ist COVID-19 eine relativ harmlose Pandemie mit einer offiziellen weltweiten Fallsterblichkeit von unter 1,5 Prozent. Dennoch war das Krisenmanagement unzureichend und die Kommunikation katastrophal. Mich interessierte die Frage, wie sich eine in allen Altersgruppen zehnmal tödlichere Pandemie auswirken würde.

Das HeLiPa-Virus ist zwar fiktiv, hat aber ein reales Vorbild und könnte die Welt, wie im Roman beschrieben treffen. Was ist neu und anders an diesem Virus?

Auf der Suche nach einem „pandemiegeeigneten“ Virus brachte mich ein Virologe auf Henipa, das Mitte des 20. Jahrhunderts in Australien und um die Jahrtausendwende in Malaysia, Bangladesch und Indien nachgewiesen wurden. Es betraf hauptsächlich Menschen, die beruflich engen Kontakt zu Tieren, z.B. Pferden hatten, nach Erkrankung aber auch andere Menschen ansteckten. Von den Infizierten starben 30-70 Prozent. Das Besondere war die Spätenzephalitis, die Monate oder auch Jahre nach vermeintlicher Genesung auftreten und schwere Funktionsstörungen des Gehirns verursachen kann. Für eine weltweite Pandemie musste ich diesem Virus einige Veränderungen andichten, z.B. eine leichtere Übertragung durch die Luft und eine verminderte Sterblichkeit. Wenn ein Virus zu tödlich ist, limitiert es sich selbst, da die Wirte ausgehen.

Wie realistisch ist das von Ihnen entworfene Bild der Verbreitung, des klinischen Verlaufes und der Auswirkung auf die Gesellschaft?

Romanautoren haben die Freiheit, Szenarien zu erfinden, die einem Faktencheck nicht standhalten müssen. Für Amazonah wollte ich dies Privileg nur bedingt nutzen und eine Geschichte erzählen, die sich soweit an bestehenden Realitäten von Henipa orientiert, dass sie sich plausibler Weise abspielen könnte, wie beschrieben. Obwohl in der Zukunft spielend, wurde im Roman den medizinischen Sachverhalten der heutige Stand der Wissenschaft zugrunde gelegt. Die entsprechenden Quellennachweise finden Interessierte im Literaturverzeichnis.

Der Roman entstand während der aktuellen Corona-Pandemie. Wurden Sie manchmal bei der Gestaltung Ihrer zukünftigen Pandemie von den aktuellen Ereignissen überholt?

Das ist ein prinzipielles Problem von Dystopien: Was man heute als düstere Prognose empfindet, kann schon morgen harmlos erscheinen. In Amazonah wird das Zukunftsszenario einer Gesellschaft, die neben tausenden Toten plötzlich mit einer großen Zahl von geistig Behinderten fertig werden muss, soweit angedeutet, dass den aufmerksamen Leser ein stilles Grauen packt. Ob solche leisen Töne in einer Zeit, die uns täglich mit den Gräueln eines Krieges konfrontiert, noch durchdringen, kann man nicht wissen.

In Amazonah sind 10 Jahre seit der Corona-Pandemie vergangen. Was hat die Menschheit in der Zwischenzeit gelernt?

Das Eingangszitat lautet: Geschichte – das ist etwas, was alle gemeinsam machen, um danach sofort zu erklären, es dürfe sich nicht wiederholen.

Man hat zwar Einiges gelernt, aber zu wenig. Für das Pandemiemanagement gibt es in Amazonah im Gesundheitswesen zwar mehr Material, doch erneut fehlt das Personal. Nach Corona hat man wieder am Gesundheitswesen gespart und die Warnungen ignoriert, dass der Ausbruch neuer Pandemien nur eine Frage der Zeit sei. Ähnlich wie beim Klimawandel oder im politischen Umgang mit Abhängigkeiten von autokratischen Staaten, gibt es in der Rückschau genügend Indizien, anhand derer man die weitere Entwicklung hätte voraussehen können.

Worin sehen Sie die Ursachen für diesen Mangel an menschlicher Lernfähigkeit?

Eine Hauptursache ist die Gier. Für kurzfristige materielle Vorteile nimmt man langfristige Katastrophen in Kauf, siehe Klimawandel, Abhängigkeit von Lieferanten für Energie oder Medizinbedarf – Schnäppchen schlägt Nachhaltigkeit. Eine weitere Ursache liegt in der DNA: der menschlichen Psyche: Wir sehen mitunter nur die Dinge, die wir sehen wollen. Und selbst, wenn wir sie sehen, erkennen wir mitunter ihre Bedeutung nicht. In der Medizin gibt es dafür den Begriff Seelenblindheit.

Warum kommt uns das Rollenverhalten der in Ihrem Roman beschriebenen Politiker und anderen Verantwortlichen so erschreckend bekannt vor?

Das Spektrum möglicher Reaktionen auf Bedrohungen und Krisen ist endlich. Die menschlichen Verhaltensmuster ändern sich nicht im gleichen Tempo wie die technischen Entwicklungen. Wir mussten zwar lernen, eine wachsende Flut von Informationen gleichzeitig und in kürzerer Zeit zu verarbeiten, nicht aber, diese Informationen so zu filtern, dass wir die richtigen Schlüsse daraus ziehen.

Ein wesentliches Thema des Romans ist der Umgang des Menschen mit der Macht. Sie zu erringen oder zu bewahren ist seit Urzeiten eine dominierende Motivation menschlichen Handelns auf verschiedenen privaten und beruflichen Ebenen, von denen die Politik nur eine darstellt, in der Machtkämpfe besonders offensichtlich werden. Der Umgang mit Macht hat sich im Laufe der Zeit nur graduell verändert, verfeinert haben sich die Instrumente. Man spaltet seinem Kontrahenten nicht mehr den Schädel mit der Streitaxt, sondern setzt High-Tech und hocheffektiv gesteuerte Propaganda ein.

Wie hat sich das gesellschaftliche Leben, aber auch das private und berufliche Leben aller Personen, denen wir im Roman begegnen im Vergleich zu heute verändert?

In den zwanzig-dreißiger Jahren ist die Schere zwischen arm und reich weiter aufgegangen. Das Aggressionsniveau ist gestiegen. Insgesamt hat sich das meteorologische Klima weiter erwärmt und die Natur verwüstet, während das soziale Klima sich deutlich abgekühlt hat. In Anbetracht politischer Entwicklungen, wie man sie selbst in westlichen Ländern zunehmend beobachtet, erscheinen solche Veränderungen leider nicht unwahrscheinlich

In Ihrem Roman bestimmen starke Frauen die Handlung und es gibt einen Club namens Females For Future.

Dieser Frauenclub hat sich zum Ziel gesetzt, die weibliche Perspektive in alle Schlüsselstellen der Politik einzubringen. Im deutschen Bundestag sind derzeit nur ein Drittel der Abgeordneten Frauen. Derzeit gibt es in der internationalen Politik eine neue Generation alter Männer an Schaltstellen der Macht, die sich das Patriarchat zurück wünschen.

Was können Frauen besser?

Ich glaube, Frauen haben ein anderes Verhältnis zur Macht, sie ist weniger Selbstzweck als Gestaltungsspielraum. Als Führungskräfte kommen sie mit flacheren Hierarchien aus, was günstig für die Mitarbeiter-Motivation ist.

Das Thema Reproduktionsmedizin nimmt in Ihrer fiktiven Zukunft einen breiten und wichtigen Raum ein. Glauben Sie, dass das auch in der realen Zukunft der Fall sein wird?

Viele Frauen stehen heute irgendwann vor der Entscheidung zwischen Kindern und Karriere. Ich glaube, dass Frauen in der Zukunft vermehrt die Chance des Social Freezing nutzen werden, das einige internationale Konzerne schon heute ihren Mitarbeiterinnen anbieten. Die eigenen Eizellen einfrieren zu lassen und damit die Chancen auf eine Schwangerschaft in fortgeschrittenem Alter zu wahren, ist legal, aber kostspielig. Hingegen verbietet das Embryonenschutzgesetz derzeit noch die Fremdeizellspende und stellt Ärzte unter Strafe, die einen solchen Eingriff und den entsprechenden Transfer eines derart gezeugten Embryo durchführen. Das gilt unabhängig davon, ob der Embryo der Wunschmutter oder einer Leihmutter übertragen wird. Dieses Thema erfährt im Moment eine unerwartete Aufmerksamkeit, da viele unfruchtbare Paare sich ihren Kinderwunsch in der Ukraine erfüllt haben. Dieses Angebot durch spezialisierte Agenturen ist durch den Ukrainekrieg weggebrochen.

Bei Amazonah hat –wie schon bei Ihrem ersten Roman Ypsilons Rache- der New-Yorker Künstler Daniel Horowitz die Gestaltung des Umschlags übernommen. Was verbindet Sie mit dem Künstler?

Seine besondere Begabung ist es, Texte oder Anliegen, die man ihm als mögliche Bildmotive kommuniziert, zu ihrer Essenz zu destillieren. Was mich fasziniert, ist seine Herangehensweise, die einerseits künstlerisch intuitiv ist, andererseits aber fast wissenschaftlich analytisch. Er kreist das Thema so lange ein, bis es „klick“ macht.

Für einen Roman nicht unbedingt üblich, finden sich auch weitere Illustrationen von Daniel Horowitz im Buch wieder. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Bilder können die sprachliche Vermittlung von Inhalten auf eine sinnliche Weise ergänzen, die jenseits von Worten Stimmung und Atmosphäre in der Story erlebbar macht. Deshalb habe ich mir schon immer gewünscht, illustrierte Bücher zu machen. In Amzonah bot sich das insofern an, als die Protagonistin Anna immer wieder situationsbezogene Illustrationen zeichnet

Am Ende von Amazonah steht zwar ein Impfstoff gegen das HeLiPa-Virus, der allerdings die Pandemie nicht beendet. Auch alle Hauptpersonen stehen am Ende Ihres Romans vor einer ungewissen Zukunft. Werden Sie die Geschichte(n) in einem zweiten Band fortschreiben?

Das war ursprünglich die Absicht, es gibt noch viel Material. Aber das Buch entstand vor Beginn des Ukrainekrieges und ich bin mir nicht sicher, ob in Anbetracht dieser „Zeitenwende“ das Thema Pandemie in näherer Zukunft noch so spannend ist, wie zur Zeit der Romanentstehung.

Welchem Genre rechnen Sie Ihren Roman zu?

Formal gehört dieser Roman zum Genre der Dystopien, definiert als:  in der Zukunft spielende Erzählung, in der eine erschreckende oder nicht wünschenswerte Gesellschaftsordnung dargestellt wird. Leser:innen mögen beurteilen, ob Amazonah eine „lupenreine“  Dystopie ist oder der Hoffnung Raum lässt, Empathie und Engagement könnten den schlechten Ort zu einem besseren machen.

Was sind die Zielgruppen, die Sie mit „Amazonah“ besonders ansprechen möchten?

Menschen, die sich für soziale, gesellschaftliche und gesundheitspolitische Entwicklungen interessieren und sich damit auseinandersetzen, dass ohne wesentliche Verhaltensänderungen die Zukunft der Menschheit in Frage steht.

Außerdem: Leser:innen, die auch bei ernsten Themen das Augenzwinkern nicht verlernen.

Das Gespräch führte Verlagsberater Andreas Pawlenka aus Kronberg

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